Mit einem Festakt und einem Streitgespräch der Intendanz über das heurige Thema wurde das 29. Philosophicum Lech offiziell eröffnet

Am Donnerstag, den 24. September, um 16.00 Uhr erfolgte die feierliche Eröffnung des 29. Philosophicum Lech. Der voll besetzte große Saal des Kultur- und Kongresshauses Lechwelten gab einen stimmungsvollen Rahmen für den traditionellen Festakt – als Auftakt zur Vortragsreihe der folgenden drei Tage. Dieses Jahr steht die transdisziplinäre Tagung unter dem etwas provokanten Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“. Die damit angesprochenen bedenklichen aktuellen Entwicklungen sorgten am Vortag beim Impulsforum bereits für lebhafte Debatten. Zur vertiefenden und zugleich breit gefächerten Erörterung des Jahresthemas sind Vortragende aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie benachbarten Disziplinen geladen. An die Stelle des bisherigen Impulsreferats trat diesmal ein Streitgespräch zwischen Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann, womit die Intendanz auf unterhaltsame Art und Weise in die Thematik einführte.  

Als das Philosophicum Lech 1997 auf Anregung des Vorarlberger Schriftstellers Michael Köhlmeier ins Leben gerufen wurde, konnte kaum jemand ahnen, dass sich daraus innerhalb weniger Jahre eine der bedeutendsten transdisziplinären Tagungen auf kulturwissenschaftlich-philosophischem Felde im gesamten deutschsprachigen Raum entwickeln würde. Alljährlich werden über 600 Teilnehmer:innen begrüßt, um sich über brisante Entwicklungen der Gegenwart wissenschaftlich fundiert, doch allgemein verständlich auszutauschen. Viele wurden zu Stammgästen, bei denen sich der erste Festredner Gerhard Lucian, Bürgermeister von Lech, ebenso bedankte wie bei neuen Interessierten. „Das Philosophicum gibt Raum für unterschiedliche Positionen, für Diskussionen und für den offenen Austausch“, unterstrich er in Bezugnahme auf das Jahresthema. Sein besonderer Dank galt u. a. Ludwig Muxel, „der das Philosophicum seit seinen Anfängen mit großem Engagement begleitet“. In der Funktion des Obmanns des Vereins Philosophicum, richtete dieser als nächster seine Begrüßungs- und Dankesworte an die Zuhörer:innen. Dabei kam er auf den großen Andrang in diesem Jahr zu sprechen, war das Symposium doch bereits nach vier Tagen restlos ausverkauft. „Ein große Freude und tolle Bestätigung“, betonte er – ebenso wie das Bedauern, dass man dadurch viele Interessierte abweisen musste. Er danke Michael Köhlmeier als Ideengeber wie auch den verlässlichen Unterstützern, den zahlreichen Medien- und Kooperationspartnern, dem engagiertem Team sowie nicht zuletzt dem Publikum. Musikalisch umrahmt wurden die Festreden von den Alphornbläsern der Trachtenkapelle Lech unter der Leitung von Marc Gusner. Die abschließenden Grußworte des Landes Vorarlberg wurden von Landtagspräsident Harald Sonderegger überbracht. Er verwies auf die Anziehungskraft des Philosophicum Lech weit über die Landesgrenzen hinaus, sei es doch ein Impulsgeber für die gesamte Dreiländerregion. „Die Vorträge, die Diskussionen, das Rahmenprogramm ermöglichen Begegnung und Vertiefung, Reflexion und besondere Erlebnisse in einzigartiger Natur“, umriss er den Veranstaltungscharakter und gratulierte auch der Intendanz – der Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch sowie dem Philosophen und langjährigen wissenschaftlichen Leiter Konrad Paul Liessmann –  zum Erfolg. Die beiden Programmverantwortlichen bestritten anschließend den zweiten Teil der Eröffnung.

 

Streitgespräch zwischen Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann

Das neue Format eines Streitgesprächs bot sich in Bezug auf das Jahresthema womöglich an, um dem Publikum vor Augen zu führen, dass eine konfrontative Auseinandersetzung durchaus Früchte tragen und unterhaltsam sein kann statt in einer wechselseitigen Verweigerungshaltung zu enden. Allerdings herrschte nicht selten Konsens, weshalb der Dissens mitunter geradezu herausgefordert werden musste. Bleisch eröffnete mit der Frage, ob der Untertitel der Veranstaltung nicht im Sinne einer „Lust an der Mündigkeit“ umgedeutet werden müsste, Liessmann ergänzte dies mit dem Zweifel, ob man der richtige Ansprechpartner sei. „Denn wir verstehen uns ja in den Kreisen, in denen wir uns bewegen, als die Betreuer“, wie er ironisch anmerkte. In Bezugnahme auf das berühmte Diktum von Immanuel Kant, dass Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sei, verwies er auf den Umstand, dass es für Unmündige Vormünder benötigt, wobei letztere eine sehr große Bereitschaft hätten, diese Vormundschaft anzutreten. Im weiteren Verlauf loteten die Diskutant:innen anhand konkreter Beispiele aus, wo echte Bevormundung beginnt. Am stärksten entzündete sich die Debatte am Thema Gendern, wobei die deutlich divergenten Positionen sich im Publikum durch den jeweiligen Szenenapplaus widerzuspiegeln schienen. Ein weiterer Themenkomplex war die KI und der durch deren Nutzung verloren gehende Stolz auf die eigene geistige Leistung, zudem die zugleich nachweislich schwindende geistige Kapazität. Zum Schluss kam noch die Cancel-Culture aufs Tapet, wobei Liessmann dafür plädierte, unangenehme Meinungen und Haltungen anderer auszuhalten. Bleisch äußerte ihre Sehnsucht, dass ein liberales Denken wieder Einzug hält, gemäß dem gerade die Menschen für einen interessant sind, die anders denken. Verbunden mit der Hoffnung, dass „die Philosophie da einen Platz haben könnte. Dass man wirklich die Lust am Denken, die Lust am Streiten, die Lust an der Auseinandersetzung, den Wert des Dissenses wieder richtig betonen könnte.“  

 

Weitere Informationen auf www.philosophicum.com